Die Große Schere

Stadtprojekt beim Impulse Theater Festival 2020 - verschoben auf 2021

Der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich, die starke räumliche Segregation und das immer weitere Auseinanderdriften der Bevölkerungsgruppen ist in kaum einer anderen deutschen Stadt so unübersehbar wie in Mülheim an der Ruhr. „Die Große Schere“ sollte sich als Stadtprojekt mit diesem Umstand beschäftigen. Dafür wäre es notwendig gewesen, mit Stadtbewohner*innen in intensiven Kontakt und regen Austausch zu treten. Und schon ohne COVID19 Pandemie denken wir, dass es ein ein schwieriges Unterfangen gewesen wäre, vor allem jene zu erreichen, die aufgrund ihres Reichtums aus der Gesellschaft herausgefallen zu sein scheinen, aber wir wollten und wollen es wagen.

Immergrüne Bäumen und Sträucher, Klingelschilder ohne Namen, geschlossene Jalousien und getönten Scheiben. Sich auf diese Art und Weise unsichtbar zu machen, muss man sich leisten können. Und man muss sich mit der Selbstverständlichkeit des archetypischen alten weißen Mannes räumliche Ressourcen aneignen.
Der Reichtum ist ein scheues Reh, das kaum jemand zu Gesicht bekommt. Seit der Aussetzung der Erhebung der Vermögenssteuer nicht einmal der deutsche Staat selbst.
Armut ist durch staatliche Transferleistungen und die damit einhergehende Kontrolle gut erforscht und statistisch darstellbar, Reichtum dagegen nur schwer und unvollständig. Und es besteht großes Interesse daran, dass die statistischen Daten dazu lückenhaft bleiben.
Eine ganze Generation hatte in Deutschland Zeit, ohne Unterbrechung durch Krieg ungeheure Werte aufzuhäufen. Wer hat, dem wird gegeben und eine riesige Erbschaftswelle brandet nun ungehindert auf die Generation Y zu. Das obwohl dies unvereinbar ist mit dem dem sonst so oft bemühten marktwirtschaftlichen Ideal der Leistung. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf besteht der Mythos weiter “sich selbst gemacht zu haben” durch Fleiß und Mut. Und es besteht eine starke Tendenz sich immer zu einer Mittelschicht zu zählen die als Blaupause für eine dominante Normalität herhält.
Privilegien sind unsichtbar, denn sie sind nicht mehr als die Abwesenheit von strukturellen Benachteiligungen. Diese vererbten guten Voraussetzungen werden weiter unsichtbar bleiben, denn niemand will sich gerne eingestehen von glücklichen Umständen abhängig gewesen zu sein. Es ist Zeit, über diesen privatesten aller private parts zu sprechen.

Club Real: Die große Schere. Eine Koproduktion von Ringlokschuppen Ruhr und Impulse Theater Festival, gefördert durch die Kunststiftung NRW und den Fonds Darstellende Künste.